25.11.2025 Sonntagmittag fand auf dem Friedhofsgelände eine Gedenkzeremonie für Carlos Anwandter statt.
Die Veranstaltung war Teil des Programms zum 175. Jubiläum der deutschen Einwanderung und erinnerte an Carlos Anwandter als eine der prägenden Persönlichkeiten der deutschen Gemeinschaft in Valdivia. Anwesend waren die Deutsche Honorarkonsulin in Valdivia, Gabriela Nuss, der Leiter der 1. Feuerwehrkompanie Germania, Helmut Huber mit Vertretern der Freiwilligen Feuerwehr sowie Repräsentantenr des Club de La Unión, der Mädchenschaft, der Burschenschaft, Schulautoritäten, Elternvertreter und Mitglieder der SSV, die Blumen am Grab unseres Gründers niederlegten.
Gabriela Nuss und Helmut Huber gingen in ihren Ansprachen ausführlich auf Leben und Wirken Anwandters ein.
Im Namen der DSV wandte sich Geschäftsführerin Gisela Romeny an die Anwesenden und reflektierte in ihrer Ansprache über die Bedeutung der ersten Ehefrau Anwandters, Caroline Emilie Fändrich:
Hommage an Caroline Emilie Fähndrich
Liebe Familien, Autoritäten, Mitglieder unserer Schulgemeinschaft und FreundInnen,
In diesen vergangenen Tagen haben wir viel über Carlos Anwandter gesprochen, über sein Vermächtnis, die von ihm gegründeten Institutionen, seine Vision für Valdivia und den Einfluss, den er bis heute auf unsere Identität ausübt
Wenn wir jedoch hier zusammenkommen, vor diesen Gräbern, die mehr Geschichte bewahren als jedes Buch, ist es angemessen und notwendig, einen Moment innezuhalten, um über folgende Person zu sprechen: Caroline Emilie Fähndrich.
Ihr Name erscheint selten in den Chroniken, meist nur in wenigen Zeilen. Es gibt keine überlieferten Berichte, keine veröffentlichten Tagebücher, sie gründete keine Institutionen und stand nie im Mittelpunkt öffentlicher Ansprachen. Und dennoch wäre nichts von dem, was wir heute mit dem Namen Anwandter verbinden, ohne sie möglich gewesen.
Caroline wurde am 2. September 1802 in Preußen geboren, Tochter einer Familie, die der Familie Anwandter eng verbunden war. Aus einem Brief von Carlos’ Schwester, einer der wenigen direkten Quellen zu seinem persönlichen Leben, wissen wir, dass sie es war, die den schüchternen Carlos dazu ermutigte, Emilie seine Gefühle zu gestehen.
Sie schrieb ihm, Emilie sei wohl die Liebe seines Lebens, und wenn er sich nicht beeile, würden sich „andere anmelden“. Carlos, der später in Chile so viele entschlossene Entscheidungen treffen würde, benötigte diesen kleinen Anstoß, um diese zentrale Entscheidung seines Lebens zu treffen.
Am 26. September 1825 heirateten die beiden. Es war der Beginn eines gemeinsamen Lebenswegs, der sie Jahrzehnte später bis in diese australe Region führen sollte. Als sie 1850 nach Chile aufbrachen, hatten sie acht Kinder zwischen sieben und zweiundzwanzig Jahren. Eines war bereits in die Vereinigten Staaten ausgewandert, die anderen sieben begleiteten sie auf der Überfahrt.
Wenn wir heute von der Einwanderungsepoche sprechen, denken wir oft an visionäre und tatkräftige Männer. Doch selten fragen wir uns, was es für eine Frau von 47 Jahren im 19. Jahrhundert bedeutete, ihre Heimat, Gewohnheiten und Sicherheiten zurückzulassen und sich für 137 Tage auf eine Reise ins Ungewisse zu begeben. In diesem Alter wurde eine Frau jener Zeit bereits fast als alte Frau gesehen. Und dennoch stieg Emilie an Bord, hielt ihre Familie zusammen und begleitete ihren Mann bei einer seiner risikoreichsten Entscheidungen.
Während Carlos sein Reisetagebuch führte, die Zuversicht der Einwanderer im Blick behielt und Zukunftspläne schmiedete, trug sie die alltägliche Verantwortung für eine große Familie auf hoher See. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, alle konfrontiert mit der Unsicherheit der langen Überfahrt.
Und doch notierte Carlos am 26. September 1850 nur einen Satz in sein Tagebuch: „Heute haben wir unsere Silberhochzeit gefeiert.“ Mehr brauchte es für ihn nicht, um die Bedeutung dieses Moments zu festzustellen.
Emilie lebte nur kurze Zeit in Valdivia. Sie starb am 7. Januar 1853, kaum zweieinhalb Jahre nach ihrer Ankunft. Sie erlebte nicht die Konsolidierung der Schule, der Feuerwehr oder anderer Einrichtungen, die ihr Mann später gründen würde.
Doch sie erlebte und (er)trug den Anfang.
Den schwierigsten Teil: einen völligen Neuanfang zu wagen.
Sechs Jahre nach ihrem Tod heiratete Carlos erneut, Maria Emilie Muhn, achtundzwanzig Jahre jünger als er. Sie bekamen keine gemeinsamen Kinder, doch sie begleitete ihn bis zu seinem Lebensende.
Seine erste große Gefährtin jedoch, die Mutter seiner Kinder, die Frau, die mit ihm den Ozean überquerte, war Emilie. Ihre Geschichte, da kaum überliefert, steht stellvertretend für viele unsichtbare Frauen der Kolonisation. Frauen, die in kaum einem Bericht erscheinen, ohne die diese jedoch gar nicht hätte stattfinden können.
Deshalb sind wir heute hier. Wenn wir über das Vermächtnis von Carlos Anwandter sprechen, müssen wir auch an jene denken, die an seiner Seite standen, als er die wichtigste Entscheidung seines Lebens traf. Mut zeigt sich nicht immer in Denkmälern, Briefen oder offiziellen Reden. Manchmal ist Mut leise. Manchmal dauert er 137 Tage auf einem Schiff. Manchmal bedeutet er, acht Kinder und einen tatkräftigen Ehemann zu stützen.
Und manchmal hinterlässt er keine Spuren…bis auf die Abwesenheit.
Heute gedenken wir auf diesem Friedhof, der den Namen Anwandter trägt, auch ihr: Caroline Emilie Fähndrich. Gefährtin, Mutter, Einwanderin, stiller Grundpfeiler einer Geschichte, die wir bis heute erzählen.
Möge ihre Erinnerung gemeinsam mit der ihrer Familie lebendig bleiben und uns daran erinnern, dass neben jedem großen Namen jemand steht, dessen Unterstützung dieses Vermächtnis erst möglich machte.

















